


von Thommy Knabe
International Space Education Institute
http://thommy-knabe.blogspot.com/
Der zweite Tag meiner Treckingtour beginnt früh. Ich hab den Wecker auf 7.30 Uhr gestellt, weil ich um 8 Uhr hier los will. Ich bin ziemlich erholt nach 12 Stunden Schlaf. Heute ist der Alpine Tag mit der Überquerung des Traverspasses auf 1800 Metern. Als ich aber für die Morgentoilette vor die Tür gehe ist es bewölkt. Eigentlich sollte heute super Wetter werden naja kann ja noch werden. Ich beeile mich, weil eigentlich wollte ich den Crossing von einer Hütte starten, die noch 7 Km entfernt liegt, um Mittag über den Berg zu sein, aber das habe ich gestern nicht mehr geschafft. Also muss ich die 7 Km heute noch absolvieren. Der Weg wird steiler und führt mehr und mehr über Wurzeln und Steine. Ich überquere mehrere kleiner Flüsse und muss mir oft einen Weg um Schlammgruben herum suchen, die knöcheltief sind. Das wo ich doch heute alle Wärme in meinen Schuhen brauche. Der Weg schlängelt sich weiter immer mehr hinauf zum Ende des Tals.
Dann kommt das Schild, was darauf aufmerksam macht, dass man jetzt den befestigten Weg verlässt und über Lawinenfelder geht. Tatsächlich überall liegen Steine und Bäume. Dann komme ich an eine besonders knifflige Stelle. Vielleicht über eine Strecke von 50 Meter liegen unzählige entwurzelte Bäum, wahrscheinlich die Zeugen des letzten Sturms. Ich verstaue meine Nordic Walking Stöcke, weil für die Kletterpartie brauch ich zwei freie Hände. Der Schnee und der Frost begrüßt mich auch und so sind die Bäume aalglatt. Ich rutsche mehrmals aus, der 15 Kg schwere Rucksack ist mir dabei auch keine Hilfe. Schließlich schaffe ich es auf die andere Seite und kann meine Wanderung wieder auf einen Pfad fortsetzten. Das Wetter ist mittlerweile super. Keine Wolke ist am Himmel. Der Wetterbericht hatte also Recht. Die Sonne bringt angenehme Temperaturen, was bei mir aber zu verstärkten Schwitzen führt, weil es steil bergauf geht. Deshalb beschlägt auch meine Brille ständig. So ein Mist. Nach knappen 3 Stunden erreiche ich endlich die Upper Travers Hut. Ich gebe mir nur eine kurze Pause, denn für den Pass sollten 6 Stunden eingeplant werden. Das wird nämlich knapp, denn es ist schon um 11 Uhr.
Jetzt bin ich aus der Baumgrenze heraus und stampfe durch immer tiefer werdenden Schnee. Der Schnee ist verharscht. Das kann gut sein, weil man nicht so tief einsinkt, aber auch schlecht, weil man mehr rutscht und wenn ich mit meinen insgesamt 105 Kg falle, dann geh ich auf dem Schnee ab wie eine Rakete. Ich sinke trotzdem oft hüfttief ein. Wie gesagt mit Rucksack bin ich zu schwer. Das macht das Vorankommen unheimlich schwierig. Es strengt sehr an und ich muss mir öfters kleine Pausen gönnen. Kurz vor dem ersten Absatz auf ungefähr 1450 Meter stoße ich dann auf Eis. S*** ich habe nämlich keine Steigeisen mit, weil ich die in Nelson hätte ausleihen müssen und das ist 100 Km weg. Also versuche ich mit bloßen Schuhen und den zwei Stöcken, die ich hab Stufen zu schlagen. Mehrmals rutsche ich ab. Mein inneres Gefahrenbarometer steigt ziemlich hoch, denn es ist ziemlich steil, etwa 50 Grad. Ich muss mehrere Wege versuchen schließlich finde ich einen über Gras und Geröll. Das war ganz schön knapp. Einmal einen Stein falsch eingeschätzt oder einen Fuß falsch gesetzt und es geht abwärts und das ziemlich lange und schmerzhaft. Ob das so eine gute Idee war?
Ich denke ans umdrehen, verwerfe es dann aber wieder es gibt nur einen Weg über den Berg. Ich beeile mich weiterhin. Die Kuppe ist noch nicht in Sicht und es ist schon um 12 Uhr. Das Wetter sieht zwar gut aus, aber es ziehen schon Wolken auf, der Wind frischt auf, treibt die gefühlte Temperatur gegen -10 Grad und das Wetter kann sich hier wahnsinnig schnell ändern. Dann sehe ich ihn endlich den Durchlass zum anderen Tal ich bin über den Pass jetzt geht es nur noch bergab zum Glück. Meine Kräfte schwinden langsam, das ständige Einsinken fordert seinen Tribut. Ich mache eine Pause, um Fotos zu machen und zu trinken. Die Landschaft ist atemberaubend. Nichts ist beständig in dieser Welt nur dieser Stein, diese Berge. Alles vergeht, aber sie bleiben einfach stehen, verändern zwar ihre Form, aber ihr Platz ist beständig.
Dann geht es ganz schön lange Bergab. Meine Oberschenkel fangen an zu brennen, aber wenigstens ist es nicht kalt. Dann ziehen noch mehr Wolken auf und ehe ich mich versehe stehe ich in einer drin. Das mahnt mich zur Eile, denn wie gesagt, das Wetter kann sich hier Minütlich ändern. Nachdem ich die steilste Stelle, eine Art Urstromtal hinter mich gebracht habe, beginnt der Weg wieder. Meine Schuhe sind sogar recht trocken, dann aber Rutsche ich beim Überqueren eines Flusses aus und mein rechter Schuh ist wieder voller Wasser.
Ich laufe wieder durch den Urwald und es ist durch das Laub nass und rutschig. Es geht immer noch bergab, was die letzten Kraftreserven aus mir heraussaugt. Ich kann nicht mehr. Ich laufe nur noch auf Reserve. Es sind noch etwa 3 Km zu Hütte, was ich aber nicht weiß. Ich muss weiter. Diese letzten Kilometer werden zum stumpfen Laufen immer dem Ziel entgegen. Den Schmerz spüre ich kaum noch. Ich stolpere und muss erst mal sitzen bleiben. Wo ist denn diese verdammte Hütte?
Ich frage mich warum ich mir das antue. Ja warum? Das hier sind Strapazen nicht zu vergleichen mit einem 30 Km Marsch bei der Armee warum? Die Antwort ist immer die gleiche. Warum klettern Menschen auf den Mount Everest, Laufen einen Marathon, machen beim Iron Man mit, fahren Formel 1 Autos. Weil es der ureigene Instinkt des Menschen ist. Das ist Arterhaltung. Höher, weiter, schneller. Man will immer besser als der andere sein und will selber sehen ob man es schafft. In gewisser Weise ist ein klein bisschen Egoismus also etwas Gutes, weil es die Gesellschaft nach vorn bringt und das merkt man an solchen Abenteuern. Wenn man am Abend in der Hütte in seinem Schlafsack vor dem Feuer liegt sind all die Schmerzen vergessen und nur das positive überwiegt.
Gegen 16 Uhr erreiche ich endlich die Hütte. Für den Pass habe ich also 5 Stunden gebraucht. Nicht schlecht veranschlagt waren 6 Stunden. Ich muss mich erst mal hinsetzen und ausruhen. Ich mache Feuer und dann koche ich mir was, auf was ich mich schon den ganzen Tag freue. Spagetti und sie schmecken wunderbar, die besten, die ich seit langen gegessen habe. Wie gut doch so eine simple Komposition aus Nudeln, Ketchup, Salami und Käse, nach einem harten Tag schmeckt. Ich mache Wasser über den Feuer heiß und wasche mich. Der heiße Lappen auf der Haut fühlt sich einfach wunderbar an. Schnell werde ich müde und falle in einem tiefen erholsamen Schlaf.
Es war ein guter Tag, wieder 15 Km geschafft. Ich danke dem, der mir den Schutzengel zukommen lassen hat, dass ich wohlbehalten über den Pass gekommen bin. Es gab nämlich öfters die ein oder andere brenzlige Situation. Oft bin ich weggerutscht, gestolpert oder war nah am Fallen, aber ich bin es nie und dafür bin ich dankbar. An solchen Orten merkt man, wie klein und verletzlich ein Mensch ist und das es eine höhere Macht oder ein Band zwischen Menschen gibt, das einen beschützt und vor Unglück bewahrt.