Das war bisher die kälteste Nacht, die ich je erlebt habe. Als das Feuer ausging sank die Temperatur schnell wieder auf - 10 Grad im inneren. Zum Glück hatte ich meinen Schlafsack. Da drin war es schön warm. Ich hab ihn soweit zu gezogen wie es ging und dann den Kopf mit reingesteckt. Dadurch hat zwar innen alles kondensiert, aber egal. Zum Aufstehen hab ich nicht wirklich Lust, wie man sich vorstellen kann. Dann gebe ich mir aber einen Ruck und los geht es. Alles ist gefroren. Von den Gamaschen über meinen Waschlappen bis hin zur Zahnbürste. Alles knochenhart. Zum Glück sind meine Schuhe trocken geworden. Schnell umziehen und dann erst mal am heißen Tee wärmen. Ich koche mir wie üblich meine große Portion Haferflocken.
Es kommt nicht darauf an was man isst, sondern wie viel und was der Körper daraus schöpfen kann. Dafür war die Armee eine gute Lehrstunde, um sich von dem ganzen Schnickschnack und den Firlefanz zu entwöhnen. Deshalb bin ich auch ein absoluter Gegner der Abschaffung des Wehrdienstes. Im Gegenteil man sollte ihn ausbauen und die Outdooraktivitäten auf die Schulen ausweiten. Das wäre das Richtige für die deutsche Jugend die immer bequemer und fauler wird, zumindest der größere Teil davon. Aber weil die Natur ja out ist, finden solche Stimmen keinen Anklang in unserer Regierung.
Zwischenkommentar Ralf Heckel: Gedankenansatz ist gut: Pfadfinder, Naturforscher, junge Wissenschaftler, Forschergeist ..... doch sicher aber keine vormillitärische Ausbildung mit Kompass und Maschrichungszahl wie bei der GST?
Nachdem ich gefrühstückt habe, packe ich schnell alle Sachen ein und mache mich auf den Weg. Beim Laufen wird einem wenigstens warm. Ich bin etwa eine Stunde gelaufen, da erreiche ich den Big Slip eine Landschaft, die ein Erdrutsch 1984 geformt hat. Es liegt immer noch Schnee und der Boden lässt sich gut laufen, weil er durchgefroren ist. Es ist der Wahnsinn durch diesen Winterwald zu laufen. Der deutsche Winterwald ist dagegen kalter Kaffee finde ich. Palmen und andere exotische Pflanzen mit Schnee und diesen besonderen Schneekristallen übersät zu sehen ist einfach nur cool.
Am Wegesrand sehe ich plötzlich ein totes Posum liegen. Das Tier etwa von Form und Gestalt einer Katze muss wahrscheinlich erfroren sein, denn ich kann von der Ferne keine Verletzungen sehen. Mmh harte grausame Natur.
Ich laufe weiter und komme mehr und mehr wieder unter die Wolken. Nach zwei Stunden erreiche ich den Rocky Point, wo ich eine kurze Pause mache. Danach schlängelt sich der Weg wieder ein wenig serpentinenmäßig einen Berg hinauf. Ich laufe durch einen wunderschönbewachsenen Wald. Überall steht Farn und dann die großen Bäume dazwischen. Es dauert nicht lange und ich komme an den See Manapouri. Hier biegt der Weg ab, weg vom Iris Burn Fluss. Hier hat man sehr schöne Ponoramablicke auf den See. Um 13.00 Uhr erreiche ich die Moturau Hütte. Es ist mir aber zu zeitig, um jetzt schon in die Hütte zu gehen. Außerdem ist mir die Hütte mit 40 Betten zu groß und zu ungemütlich. Also gehe ich weiter, wo es direkt am See in einer kleinen Bucht eine kleine niedliche Hütte mit 6 Schlafmöglichkeiten und einem riesigen offenen Kamin gibt.
Die Shallow Hut erreiche ich um viertel drei. Ich lege meine ganzen Sachen ab und koche mir erst mal einen warmen Tee. Zwar ist es nicht mehr ganz so kalt, wie heute früh, aber wenn man nicht läuft wird es doch recht schnell frisch. Damit setze ich mich an den See und genieße. Ich habe wieder einen gefunden. Einen Ort, wo man nichts hört, wenn man die Luft anhält. Zwar zwitschert hin und wieder ein Vogel, das ist dann aber auch schon alles. Man getraut sich kaum Luft zu holen oder sich zu bewegen, weil man fürchtet die Stille verscheuchen zu können. Ich sitze etwa eine halbe Stunde einfach nur da.
Dann muss ich aber den Abend vorbereiten. Ich richte mir die Hütte ein und dann schnappe ich mir die Axt und mache mich auf Holzsuche. Ich trage einen ganz schönen Haufen zusammen, ähnlich dem von gestern, doch dieser ist trockener.
Trotzdem will es nicht gleich beim ersten Mal brennen. Mit viel pusten und Holzarten experimentieren fängt das Feuer nach einer dreiviertel Stunde an zu brennen. Aber was soll's ich hab ja Zeit. Dann geht es aber gleich richtig ab und schon kurze Zeit später hab ich angenehme 25 Grad in der kleinen Hütte. Ich wasche mich mit heißem Wasser, was eine Wohltat ist und dann verbringe ich den Abend am Feuer in Gedanken und einem Tee bis ich einschlafe. Wiedermal gibt es nichts Schöneres, als das einfache Leben in dieser Hütte. Denis ist dann doch nicht gekommen. Vielleicht hat er seinen Plan umgeschmissen oder er ist in der anderen Hütte. Naja was soll's das hier ist auf alle Fälle die gemütlichste Hütte die ich je hatte.
Morgen ist der letzte Tag und es sind noch knapp 15 Km bis zum Ziel. Ich bin froh das ich diesen Great Walk gemacht habe. Es war eine komplett andere Erfahrung als der Letzte. Er war nicht ganz so schwer, was aber gut war, denn die drei Tage Pause dazwischen waren nicht genug. Trotzdem möchte ich diesen im Sommer nicht machen wollen, weil der Track dann zum Tourismusmagneten wird und das würde ich nicht erleben wollen. Ich finde diese Natur muss jeder für sich selbst entdecken und nicht nur daran vorbeigeschleift werden. Ich bin glücklich im Winter in Neuseeland zu sein. Es ist sehr viel weniger los, man hat teilweise vergünstigte Preise und man sieht Sachen, die man im Sommer nicht zu Gesicht bekommt. Wenn man Regen und nasse Füße nicht scheut, dann ist der Besuch im Winter in Neuseeland sein Geld wert.
