Es ist sternenklar und ziemlich kalt diese Nacht. Als ich um 7.30 Uhr aufwache ist alles gefroren und das Gras ist mit ziemlich viel Reif bedeckt. Ein schöner Anblick, wenn es nicht so kalt wäre.
Heute steht der Tongario Crossing an. Das ist eine Wanderung durch die Vulkanlandschaft, die in Mitten der Nordinsel liegt. Hier wurden die berüchtigten Szenen von Mordor in Der Herr der Ringe gedreht. Ich freue mich schon darauf. Ich fahre also zur Information in Tongaria, wo man mir erzählt, dass der Busshuttle schon weg ist und ich selbst hinfahren muss. Es ist etwa 70 Kilometer entfernt und die Parkmöglichkeit ist ziemlich unsicher, weil dort öfter Autos geklaut werden. Aber nun ja hilft ja nichts.
Um 9.45 Uhr biege ich in eine Parklücke neben einem Campervan ein. Er gehört einem Paar, das sich gerade fertig macht. Ich beeile mich, weil ich die 7 Stunden und 19 Kilometer nicht alleine laufen will. wir kommen schnell ins Gespräch. Sie heißen George und Lucy, sind aus Großbritannien und machen in Neuseeland 4 Wochen Urlaub. Sie sind beide 19 und für den Trip ziemlich gut ausgerüstet. Wir unterhalten uns ziemlich lange und ausführlich und dann sind wir schon an der 7 Kilometermarke. Schon nach 2 Stunden. Wir können leider nicht den gesamten Weg laufen, weil wir wieder zurück zum Auto müssen. Wir müssten also bei 9,5 Kilometer umdrehen. Dann sagen die beiden, dass sie den Vulkan besteigen wollen. Es ist der Mount Ngauruhoe. Der Schicksalsberg aus Der Herr der Ringe. Hier wurden alle Szenen dafür gedreht. Er ist 2291 Meter hoch.
Ja klettern wollte ich schon immer mal gehen und so schließe ich mich den beiden an. Der Aufstieg ist wirklich schwierig, weil der Vulkanstaub und die kleinen Steine nicht wirklich guten Halt bieten. Deshalb gehen wir öfters auf dem Schnee, der nun liegt, da dort besserer Halt herrscht. Nach knapp 2 Stunden haben wir die 1100 Höhenmeter überwunden und machen Pause auf dem Gipfel. Mit der Höhe nimmt immer mehr der Schwefelgeruch zu und man sieht es über den Vulkansteinen flimmern. Schwefel riecht wie einige vielleicht wissen nach faulen Eiern. Der Geruch bewirkt bei mir ein paar Kopfschmerzen. Auf dem Gipfel sieht und hört man richtig, wie die Erde kocht. Überall kommt Dampf aus den Spalten, es zischt und blubbert und die Steine auf denen wir sitzen sind schön warm. Allgemein ist es heute vom Wetter einer der schönsten Tage, die ich in Neuseeland bisher hatte. Selbst auf 2300 Metern ist mir nicht kalt. Als mich George fragt wie viel Lagen ich anhabe, antworte ich T-Shirt und meinen Armeepullover und er ist erstaunt. Er trägt 6 Lagen und die Frau in der Information sagte, dass es oben ziemlich kalt sein würde, doch davon spüre ich nichts. Naja ich hatte schon immer ein anderes Temperaturempfinden.
Dann sagt George, hört mal die Stille. Ich halte die Luft an und bewege mich nicht. Und es stimmt. Da ist wirklich nichts, nicht mal der Wind macht einen Ton. Nur Stille, als wäre man Taub. Nach einer Weile kann ich sogar mein Herz schlagen hören. Solche Orte findet man in dieser schnelllebigen Welt nur noch selten. Es ist ein tolles Gefühl den Gipfel erreicht zu haben. Man kann das Gefühl nachempfinden, als wenn man den Mount Everest bestiegen hätte. Man hat den höchsten Punkt weit und breit bestiegen und das ist einfach nur toll.
Nach einem etwa 30 minütigen Fotoshooting beginnen wir den Abstieg. Wir entscheiden uns den Weg zunehmen, den wir gekommen sind. Außerdem ist es besser auf dem Schnee zugehen, weil der nicht so leicht rutscht. Nach etwa 5 Minuten, es ist noch nicht wirklich steil, passiert mir eine Sache, die leicht böse werden kann, wenn man nicht trainiert ist. Ich rutsche nach vorne Weg. Die Stöcke die ich mithabe geben auf den weichen Staub auch nach und ich falle. Nun geschieht alles nur noch reflexartig. Ich rolle mich in Judomanier über meine Schulter ab, um nicht auf den Händen zu landen und muss dann noch meine Füße ins Tal drehen, um Halt zu finden und die Talfahrt zu beenden. George schreit, ob alles ok ist. Nach etwa 10 Metern Rutschen und Fallen komme ich endlich zum Stehen. Puh das war knapp, denn etwa noch 10 Meter weiter vorn fällt der Hang steil mit grobem Gestein ab. Im ersten Moment scheint alles in Ordnung. Der erste Blick gilt meine Hose und dem Rucksack, über den ich gerollt bin. Kamera und die restlichen wertvollen Sachen sind alle Ok. Beim Abstieg und am späteren Abend merke ich dann aber, das ich mir die rechte Hüft etwas geprellt habe. Das hätte aber richtig schlimm ausgehen können.
Der weitere Abstieg verläuft dann ohne weitere Komplikationen. Wir gehen einen Schneebedeckten Abhang hinab. Hier kann ich meine Alpine Skierfahrung ausspielen. Während die beiden ihre Spikes anschnallen, rutsche ich auf meinen Schuhen talwärts. Das geht super und ich kann sogar leichte Schwünge einbauen. Skier wären zwar besser, aber habe ich im Moment nicht. Es ist schon 14.30 Uhr und ich will den Pfad des eigentlichen Crossings noch ein bisschen weitergehen.
Also trenne ich mich von den beiden. Wir tauschen noch Handynummern aus und dann bin ich auch schon wieder am niedrigeren Krater angekommen. Die beiden sind noch viel weiter oben. Da die Sonne heute aber den ganzen Tag auf den gefrorenen Boden geschienen hat ist der natürlich total aufgeweicht und ich versinke im Schlamm. Also drehe ich um. Was wahrscheinlich auch besser ist, den in knapp 2 Stunden ist es finster und ich habe noch 1,5 Stunden Weg vor mir. Ich renne ein wenig um zu versuchen, die beiden einzuholen, denn ich denke dass sie vor mir sind. Dabei komme ich mir vor wie Aragon und Legolas, die durch die weiten Steppen Mittelerdes laufen. Nach etwa einer und einer viertel Stunde bin ich ziemlich fertig am Auto. Es ist zum Glück noch da. Die Beine schmerzen. Ich hab grob überschlagen, dass das heute 24 Kilometer und 1300 Höhenmeter waren. Gar nicht so schlecht für etwa 6,5 Stunden.
Die Beiden kommen nach mir an. Wir machen aus, dass wir in einem Motorcamp schlafen, wo die beiden schon die letzten Tage waren. Sie fahren voraus und zeigen mir den Weg. Ich brauche jetzt eine heiße Dusche. Die gibt es dort. Es ist eine Art Campingplatz und kostet mich 17 Dollar die Nacht. Dafür hab ich aber wenigstens unbegrenzt Duschzeit, die ich ausnutze um mich zu rehabilitieren und eine Küche. Heute Abend gibt es für uns 3 Nudel, dass beste nach so einer Anstrengung. Ziemlich zeitig kuscheln wir uns alle drei in unsere Schlafsäcke. Ich glaub heute Nacht kann ich das erste Mal richtig fest schlafen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen